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Habitussensibilität: Schlüsselressource für Lehrende

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Lernerfolg – eine Frage des Habitus?

Wenn es darum geht, wie junge Menschen ihr Potenzial bestmöglich entfalten können, denken wir oft an innovative Lernmethoden, kleinere Klassen oder gezielte Förderangebote. Prof. Dr. Sabrina Rutter und Dr. Florian Weitkämper hingegen plädieren dafür, den Fokus stärker auf die eigene Person zu richten – genauer gesagt, auf den eigenen Habitus.

Sechs Fragen an Sabrina Rutter und Florian Weitkämper

Bevor wir in das Thema einsteigen, eine kurze Klärung: Was genau ist mit »Habitus« gemeint?

Sabrina Rutter: Aus unserer Sicht bezieht sich der »Habitus« auf tiefsitzende, oft unbewusste Muster des Denkens, Fühlens und Handelns, die durch unsere sozialen und kulturellen Hintergründe geprägt sind. Diese Muster beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr bewegen. Hierbei beziehen wir uns auf den Kultursoziologen Pierre Bourdieu. Mehr zu Pierre Bourdieu im Erklärungsvideo der Universität Rostock.

Inwiefern beeinflusst der Habitus einer Lehrkraft den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern?

Florian Weitkämper: Der Habitus von Lehrkräften beeinflusst den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler insofern, als unbewusste Vorannahmen und Erwartungen an die Schüler:innen herangetragen werden. Diese können sich positiv oder negativ auf die Lernumgebung, Leistungsbewertung und allgemeinen Interaktionen in Schulen auswirken. Wie die Schüler:innen lernen und bewertet werden, hängt davon ab, wie ähnlich die kulturellen Codes von Lehrkräften und Schüler:innen sind. Bourdieu spricht hier von kultureller Passung.

Wie können Lehrkräfte ein Bewusstsein für ihren eigenen Habitus entwickeln?

Sabrina Rutter: Wir empfehlen einen reflexiven Ansatz, bei dem Lehrkräfte ihre eigene soziale Herkunft und deren Einfluss auf ihre pädagogische Praxis regelmäßig hinterfragen, gerade wenn sich bestimmte Probleme und Konflikte wiederholen. Tandemarbeit und kontinuierlicher Austausch im Kollegium bieten wertvolle Gelegenheiten, um blinde Flecken zu erkennen und zu adressieren. Es geht darum, eine kritisch-konstruktive Lehr-Lern-Kultur zu entwickeln.

Herr Weitkämper, Sie haben einmal gesagt, dass viele Lehrkräfte sich zwar der sozialen Ungleichheit bewusst sind, jedoch selten erkennen, dass sie selbst Teil »ungleichheitsrelevanter Praktiken« sind. Welche Bedeutung hat der Habitus in Bezug auf Chancengerechtigkeit in der Bildung?

Florian Weitkämper: Das ist gerade der herausfordernde und gleichsam tolle Part des Konzepts: Wir sind gleichermaßen alle davon betroffen und haben das Heft des Handelns in der Hand. Der Habitus spielt eine wesentliche Rolle bei der Reproduktion von Bildungsungleichheiten. Unterricht und Schulstrukturen, die habitussensibel gestaltet sind, können dazu beitragen, Barrieren abzubauen und mehr Chancengleichheit zu schaffen, indem sie die Vielfalt der Schüler:innen respektieren, wertschätzen und fördern. Es ist damit aber Arbeit nötig, die sich langfristig auszahlt, da das Leben einfacher wird. Zum Beispiel wie Sabrina Rutter sagt, indem nicht immer die gleichen Konflikte eingegangen werden müssen und damit mehr Freiheiten entstehen.

Habitussensibilität bedeutet zunächst, sich mit der eigenen sozialen Herkunft auseinanderzusetzen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, den Blick auf den Habitus der Schülerinnen und Schüler zu richten. Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie diese doppelte Perspektive im Unterrichtsalltag umgesetzt werden kann?

Sabrina Rutter: Lehrkräfte können mit einer fragenden Haltung beginnen: Beispielsweise kann dafür der Dokumentarfilm »Zirkus is nich« von Astrid Schult Einblick in ein Aufwachsen in Armut geben. So zeigt er anschaulich, wie Armut das Leben des achtjährigen Dominik und seiner Familie beeinflusst und bietet dadurch eine geeignete Grundlage, damit (angehende) Lehrkräfte besser verstehen, vor welchen Herausforderungen benachteiligte Schüler:innen stehen. Fragen können dann etwa sein: Was braucht Dominik von mir, um aktiv am Unterricht teilzunehmen? Sehe ich bei ihm eher die Probleme, zum Beispiel dass er oft Arbeitsmaterialien wie Bücher, Hefte und Mappen vergisst, oder sehe ich auch seine Stärken, beispielsweise seine Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme bei der Betreuung von Geschwistern? Wie können seine Stärken, die bislang eher im familiären Bereich eine Rolle spielen, auch im Unterricht genutzt werden? Zum Film. 

Was kann eine einzelne Lehrkraft tun, um habitussensibler zu unterrichten? Und welche ersten Schritte können Schulen unternehmen, um eine habitussensible Schulkultur zu fördern?

Florian Weitkämper: Eine Lehrkraft kann beginnen, indem sie regelmäßig Selbstreflexion betreibt und sich aktiv um Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen bemüht. Schulen können dazu beitragen, indem sie professionelle Entwicklungsmöglichkeiten und Raum für offene Diskussionen und Peer-Coaching schaffen, um gemeinsam eine habitussensible Kultur zu fördern.

Portrait Sabrina Rutter

Prof. Dr. Sabrina Rutter

Portrait Sabrina Rutter

Prof. Dr. Sabrina Rutter

Dr. Sabrina Rutter ist Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationalen Hochschule am Standort Dortmund. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen der ungleichheitsorientierten Bildungsforschung und der qualitativen Forschungsmethoden. Von besonderem Interesse sind hierbei Fragen der pädagogischen Professionalität und Professionalisierung aus einer Milieu- und Habitus-Perspektive.

Portrait Florian Weitkämper

Dr. Florian Weitkämper

Portrait Florian Weitkämper
© privat

Dr. Florian Weitkämper

Dr. Florian Weitkämper vertritt die Professur Grundschulpädagogik
und Kindheitsforschung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Differenz-, Inklusions- und Ungleichheitsforschung sowie qualitativ-rekonstruktiver Sozialforschung. Dabei interessieren ihn unter anderem Fragen pädagogischer Autorität oder der Konfliktbearbeitung in pädagogischen Settings

Zum Weiterlesen

Interview mit Sabrina Rutter und Florian Weitkämper auf dem Deutschen Schulportal: »Habitussensibilität: Warum Lehrkräfte der eigenen Haltung mit Skepsis begegnen sollten«. Zum Interview.

Expertise von Sabrina Rutter und Florian Weitkämper für die Bertelsmann Stiftung mit konkreten Ansätzen für das eigene Handeln: »Die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit in der Schule - Ein Thema für die Lehrkräfteausbildung«. Zur Expertise.

Grafik zur Veranschaulichung des Bereiches Literatur unseres Hybriden Lernraums. Ein Pfeil zeigt auf drei Buecher, die neben einem Werkzeugkasten stehen.

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